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Tempo 30: Was es für Radfahrende wirklich ändert
- Autor
- Sebastian Heldt
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- Lesezeit
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- Quellen
- keine angegeben
Kaum eine verkehrspolitische Massnahme wird so hitzig diskutiert und so schlecht begründet wie Tempo 30. Die Gegenseite rechnet in Sekunden Fahrzeitverlust, die Befürworterseite in Lärmdezibel. Beide Grössen sind messbar und beide gehen am Kern vorbei.
Die Physik ist der eigentliche Grund
Der Anhalteweg eines Pkw setzt sich aus Reaktionsweg und Bremsweg zusammen. Der Reaktionsweg wächst linear mit der Geschwindigkeit, der Bremsweg quadratisch. Aus 50 Stundenkilometern kommt ein Fahrzeug unter guten Bedingungen nach ungefähr 28 Metern zum Stehen, aus 30 nach etwa 13 bis 14.
Der entscheidende Wert ist aber ein anderer: Was passiert an dem Punkt, an dem das schnellere Fahrzeug noch fährt? Ein Auto, das aus 50 bremst, hat nach 13 Metern noch rund 40 Stundenkilometer drauf. Genau dort steht der Mensch, den das langsamere Fahrzeug nicht mehr berührt hätte.
Und die Aufprallenergie wächst ebenfalls im Quadrat. Der Unterschied zwischen einem Zusammenstoss mit 30 und einem mit 50 ist nicht «etwas heftiger», sondern der zwischen Verletzung und Lebensgefahr. Die Überlebenswahrscheinlichkeit ungeschützter Verkehrsteilnehmer fällt in diesem Bereich steil ab.
Was das für die Infrastruktur bedeutet
Hier liegt der Punkt, der Radfahrende am meisten betrifft und am wenigsten diskutiert wird. Die Notwendigkeit einer baulichen Trennung hängt vom Geschwindigkeitsunterschied ab, nicht von der Verkehrsmenge allein.
Bei Tempo 30 und mässigem Verkehr ist das Mischen von Rad und Auto auf der Fahrbahn eine anerkannte, funktionierende Führungsform. Der Geschwindigkeitsunterschied zu einem Rad mit zwanzig Stundenkilometern ist gering genug, dass Überholvorgänge selten und entspannt ablaufen.
Bei Tempo 50 ist er es nicht. Dort braucht der Radverkehr eine eigene Führung — und die kostet Fläche, Geld und Planungsjahre. Tempo 30 ist damit häufig die schnellere und billigere Radverkehrsmassnahme, ohne dass ein Meter gebaut wird.
Das ist auch der Grund, warum Tempo-30-Zonen in Wohngebieten selten Radwege haben und trotzdem funktionieren. Was dort fehlt, fehlt nicht.
Warum es trotzdem so schwer anzuordnen war
Innerorts gilt Tempo 50 als Regelgeschwindigkeit. Eine niedrigere Anordnung ist ein Eingriff und war lange nur zulässig, wenn eine besondere Gefahrenlage vorlag, die deutlich über das allgemeine Risiko hinausging. Kommunen mussten diese Gefahr im Einzelfall nachweisen — mit Unfallzahlen, die es erst geben musste.
Erleichterungen kamen schrittweise: zunächst vor Schulen, Kindergärten, Spielplätzen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, dann mit der Änderung des Strassenverkehrsgesetzes und der Strassenverkehrsordnung von 2024, die Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutz sowie städtebauliche Gründe als Anordnungsgrund zulässt.
Die Grenze ist geblieben: Der Verkehrsfluss auf dem übergeordneten Netz darf nicht wesentlich beeinträchtigt werden. Ein flächendeckendes Tempo 30 in einer ganzen Stadt lässt sich darauf nach heutigem Stand nicht stützen — dafür wäre eine weitere Änderung nötig, und die ist umstritten.
Die Fahrzeit, die niemand verliert
Der am häufigsten vorgebrachte Einwand hält der Messung am schlechtesten stand. Innerorts wird die Reisezeit nicht von der Höchstgeschwindigkeit bestimmt, sondern von Ampeln, Abbiegevorgängen und der Parkplatzsuche.
Untersuchungen in Städten mit ausgedehnten Tempo-30-Bereichen finden Fahrzeitverluste im Bereich weniger Sekunden je Kilometer. In manchen Fällen verbessert sich der Verkehrsfluss sogar, weil das gleichmässigere Tempo besser mit einer Ampelkoordinierung harmoniert.
Was Radfahrende beachten sollten
Tempo 30 gilt für alle — auch für Pedelecs, die es problemlos erreichen, und für Radfahrende bergab. Wer schneller ist als erlaubt, verliert im Schadenfall genau das Argument, das ihm sonst hilft.
Und: In einer Tempo-30-Strasse ohne Radweg gehört das Rad auf die Fahrbahn, nicht an den Rand. Die deutliche Position ist dort weder unhöflich noch riskant, sondern die vorgesehene — sie verhindert genau die knappen Überholvorgänge, die die Massnahme überflüssig machen würden.
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